Ritt durchs wilde Tadschikistan

Bist du schon mal in Kairo Taxi gefahren? Auch in Kapstadt und in Rio? Alles kalter Kaffee, kannst du vergessen. Das wahre Abenteuer lauert in Tadschikistan.

Merkwürdigerweise wird unser Flugzeug in den letzten Winkel des riesigen Flugfelds bugsiert, obwohl kaum andere Maschinen da sind. Vielleicht ist das Dushanbes Willkommensgruß an die türkische Konkurrenz. Tadschikistans Empfang ist regnerisch und kalt. Der einzige Shuttle-Bus taucht nach zehn Minuten auf, und alle Fluggäste dürfen einsteigen. Alle, auch wenn keiner mehr reingeht. Die Türen versuchen, sich ratternd zu schließen, springen aber wieder auf, weil einige Reisende dazwischen klemmen. Freundlicherweise drücken Polizisten von außen nach. Klappt doch!

Warum um Himmels willen muss der Flieger um vier Uhr morgens ankommen? Die Zöllner schlafen noch. Nur zwei Schalter sind besetzt. Einer für tadschikische Reisende, der andere für alle Anderen. Komischerweise stehen fast alle Passagiere am Schalter für alle Anderen. Lässig, mit einer Zigarette im Mundwinkel, studiert der Beamte die Pässe, blättert vor und zurück, bis er mit Schwung seinen Stempel rein knallt. Der andere arbeitslose Beamte klettert aus seinem Kabuff und fragt vereinzelte Ankömmlinge, ob sie nicht die Express Abfertigung haben wollen. Dabei reibt er grinsend Daumen und Zeigefinger aneinander. Wer es durch die Kontrolle geschafft hat, mit oder ohne Express Behandlung, stellt fest, dass auch die Männer der Gepäckausgabe noch im Reich der Träume weilen. Nach einer Stunde setzt sich das Gepäckband endlich in Bewegung. Klare Sache: Die Gepäckträger haben ausgeschlafen. Gut, dass mein Koffer einer der letzten ist, denn so kann ich die Zeit bis zum Morgengrauen überbrücken.

Im Gegensatz zu den Zollbeamten sind die Taxifahrer vor dem Flughafen auffallend rege und zahlreich und geben sich Mühe, einen Gast zu erwischen. Mein Reiseziel ist die afghanische Grenze, rund 220 Kilometer von Dushanbe entfernt. 200 Dollar ist das Angebot des ersten Fahrers. Ich kontere mit 50 Dollar. Aber das ist wohl eine Beleidigung, denn der Mann murmelt etwas auf Russisch, dreht sich auf der Stelle um und verschwindet. Auch der nächste Versuch scheitert kläglich. Also muss ein neuer Plan her. Nach Zwiesprache mit einem Angestellten des Flughafens erfahre ich, dass ich an den Stadtrand muss. Für fünf Dollar erbarmt sich der Flughafenmensch. und bringt mich dorthin. Vorher stoppen wir noch in einem sozialistisch anmutendem Hotel, indem ich erstmal einen Tee trinke.

Babagul ist der Fahrer meiner Wahl. Nicht weil er behauptet, das sicherste und modernste Taxi Tadschikistan zu besitzen, sondern weil kein anderer da ist. Die 220 Kilometer Fahrt zur afghanischen Grenze würden wir spielend in zweieinhalb Stunden schaffen, sagt er und verlangt 40 Dollar. Toll, denke ich. Dann erwische ich ja noch die 10 Uhr Fähre. Doch schon die erste Polizeikontrolle verlängert die Fahrzeit. Unser Taxi wird heraus gewinkt, und Babagul muss 20 Simoni in die geöffnete Polizisten Hand blättern. Da hilft kein Diskutieren und kein Klagen. Wir haben einfach zu viele Polizisten hier, beschwert sich mein goldbezahnter Fahrer. Mittlerweile hat sich der Regen verstärkt, und die tadschikische Straße zeigt ihre unsolide Bauweise.

Überall auf dem rissigen Asphalt haben sich kleine Seelandschaften gebildet. Während Babagul seinem Wagen alles abverlangt und ungebremst durch die Wassermassen rast, sagen die Reifen „Hier jetzt schwimmen“. Wildes Gegenlenken hilft, und der Wagen spurt wieder bis zur nächsten Seenplatte.

Hoffentlich hört es bald auf zu regnen, flehe ich im Geiste, während ich mich am Handschuhfach fest klammere. Ich bitte Babagul, doch ein wenig langsamer zu fahren. Er nickt und lacht. „Die Fähre schaffst du noch“, ruft er und rast weiter.

Kurz nach dem Verlassen der Stadt bremst Babagul abrupt ab. Eine alte Frau steht am Straßenrand und fragt etwas auf Russisch. Babagul springt aus dem Wagen, packt sie und ihr Bündel auf den Rücksitz und rast wieder los. Na gut, die Dame wohnt wohl hier irgendwo auf dem Weg, denke ich noch. Als der Wagen plötzlich die Hauptstraße verlässt und rechts in einen Schlammweg einbiegt. „Wir bringen mal Mamuschka schnell nach Hause“, verkündet Babagul, „ist gleich das nächste Dorf“. Das nächste Dorf erscheint nach 20 Minuten quälend glitschigen und von Schlaglöchern übersäten Strecke. Mamuschka will uns noch auf einen Tee einladen, aber ich schlage vor, dass wir das ein anderes Mal nachholen. Danach selbe Strecke zurück. Selbes Elend.

Irgendwie haben wir eine Stunde Fahrt ohne größere Vorkommnisse überstanden. Dann macht sich wieder ein besonders kräftiges Exemplar der tadschikischen Polizei mit seiner Trillerpfeife bemerkbar. Geld will der Beamte haben, aber er hat auch noch ein anderes Anliegen. Am Straßenrand steht ein Taxi mit offener Motorhaube. Offenbar kaputt. Wir sollen helfen. Also versuchen wir alle gemeinsam den kollabierten Wagen anzuschieben. Während der Polizist daneben steht und uns antreibt. 200 Meter weiter, wir sind alle außer Atem, und völlig durchnässt, ist dass Vehikel im selben bedauernswerten Zustand. Nichts rührt sich. Also wird meine Taxifahrt auf staatlich verordnete Anweisung ab hier nun eine kuschelige gemeinsame Fahrt.

Zwei Frauen und zwei Männer klettern auf die Rückbank. Der Kofferraum quillt über, notdürftig mit einem Band gesichert. Jede Bodenwelle schlägt direkt durch. Die Stoßdämpfer verweigern ausgerechnet jetzt ihren Dienst. Was Babagul aber nicht davon abhält, die Höchstgeschwindigkeit anzupeilen. Meine vier neuen Begleiter sind Afghanen, die wie ich auf dem Weg nach Afghanistan sind.

Irgendwie schaffen sie es, einige ihrer vielen Tüten zu entleeren und mit verschränkten Armen kleine, leckere Gebäcke darzureichen. Eine Thermoskanne mit Tee wird aus den Tiefen des Chaos heraus gezaubert, und so kann reihum jeder mal an dem schwankenden heißen Tee nippen. Das geht so lange gut, bis eine Bodenwelle in Kombination mit einer der berüchtigten Riesen-Pfützen den Becher in den Abgründen des Fußraum verschwinden lässt, samt Tee. Da die Herrschaften auf der Rückbank mehr oder weniger zur Bewegungslosigkeit verdammt sind, wird der Becher erst gar nicht lange gesucht.

Babagul macht seinen Taxi-Fahrer Job seit Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1997 und lebt seither für tadschikische Verhältnisse recht gut. Alleine die Einnahmen meiner Fahrt entsprechen dem monatlichen Einkommen eines Universitätsprofessors. Babagul ist geschäftstüchtig. Mit einer Hand kritzelt er mir seine Handynummer auf einen Zettel, während er den Wagen mit einem Knie und der anderen Hand durch die Landschaft jongliert. „Wenn du wieder zurückkommst, ruf mich an“, sagt er. „Ich besorge dir dann ein sauberes Apartment. In die Hotels darfst du hier nicht gehen, viel zu teuer. Und außerdem kannst du da auch keine Frauen mitnehmen.“ Ach ja, und die Frauen? Die könnte er mir natürlich auch noch ganz günstig besorgen.

Etwas später taucht neben uns ein Fahrzeug auf. Der Fahrer hupt und gestikuliert wild. Scheint ein Bekannter Babaguls zu sein.

Um keine Zeit zu verlieren, greift Babgul zu seinem Handy und ruft unseren parallel fahrenden Begleiter an. Beide Wagen kommen sich dabei gefährlich nahe, auf Russisch und vor allem laut, weil unser Wagen ja unter Volllast und Vollgas dahin rauscht, besprechen die beiden etwas, das ich nicht verstehe. Dann hält der Parallel-Fahrer irgendetwas gegen seine Seitenscheibe, und durch die nassen Scheiben erkenne ich ein Ersatzteil. Jetzt erst fährt Babagul rechts ran, und nach längerem Gefeilsche kauft er das Teil.

Klitschnass steigt er wieder ein und zeigt uns freudig erregt den erworbenen Schatz. „Ist ein neuer Gaszug“, frohlockt er. Denn der jetzige ist nur notdürftig geflickt. Na, da bin ich ja froh, dass wir jetzt Ersatz haben. „Ein Gaszug ist hier schwer zu kriegen, wie so vieles“, sagt Babagul. „Oder Du musst viel, viel Geld bezahlen.“

„Aber woher hatte der Parallel-Fahrer den Gaszug denn dann?“ frage ich. „Na ja, der ist wohl von einem Lkw gefallen“, grinst Babagul über beide Ohren.

Mittlerweile sind wir gut fünf Stunden unterwegs.

Der Wagen fährt noch. Zwischendurch haben wir noch einige kürzere Stopps eingelegt, um rasch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Eine Radkappe einsammeln, eine Schafherde vorbei lassen, Beine vertreten. Teebecher suchen, noch eine Polizisten-Börse füllen. Achja, und natürlich die obligatorische Reifenpanne. Um 11 Uhr erreichen wir den Grenzfluss Amu Darya, der Tadschikistan auf natürliche Weise von Afghanistan trennt. Brav bezahlen wir alle für unsere nervenaufreibende Fahrt. Ich meine vereinbarten 40 Dollar, und die afghanischen Reisenden sind ebenfalls mit 40 Dollar dabei. Von Geschäften versteht Babagul wohl eine ganze Menge. Im Preis inbegriffen ist immerhin, das Babagul, unser Gepäck zur Baracke der Zollabfertigung schleppt. „Wenn du wieder zurückkommst, denk dran, ruf mich an,“ zwinkert er mir zu und schüttelt mir zum Abschied die Hand.

Die Abfertigung entpuppt sich als ein Trauerspiel. Überall wuseln Beamten der Zollbehörde herum, aber keiner scheint wirklich Interesse an uns zu haben. Vorsichtig frage ich auf Persisch, wo wir uns anmelden müssen. Die Antwort kommt wirsch und auf Russisch. Aus der Gestik entnehme ich: Warten. Nach einer Stunde kommt so etwas wie Bewegung in die Bude. Der erste afghanische Reisende wird in ein Büro gerufen. Eine halbe Stunde später darf ich dann in das Büro. Ein strammer Uniformierter und schnauzbärtige Beamte begrüßt mich auf Russisch. Dann folgt das übliche Zeremoniell. Pass mehrmals vor und zurückblättern und dann den Ausreise Stempel auf das Visa hämmern. Schließlich muss ich meinen Koffer öffnen, und der Beamte untersucht meine Fotoausrüstung. Er hält die Kamera hoch und sagt etwas. Ich verstehe nichts und zucke mit den Achseln. Der Zöllner geht raus und holt einen anderen Uniformierten zu Hilfe. Der sagt mir dann auf Persisch, ich müsse Zoll für die Kamera bezahlen. Doch von jetzt an kann ich kein Persisch mehr und blocke jeden weiteren Versuch ab mir Geld abzuknöpfen. Als die beiden Beamten merken, dass ihr Spiel mit mir nicht funktioniert, darf ich alles wieder einpacken und mich endlich zur afghanischen Grenze begeben. Mit einem alten, klapprigen Bus werden wir alle runter zum Fluss verfrachtet. Und dann heißt es wieder: Warten.

Die Fähre ist ein schrottreifer Schlepper, protzt und knattert. Wir müssen alle auf eine Art Ponton, auf das auch mehrere Lastwagen und andere Fahrzeuge rollen. Die zehn Uhr Fähre ist jetzt also die drei Uhr Fähre. Der altersschwache Kahn zieht das Ponton mit Mühe in die Mitte des Flusses. Und jetzt kommt die Strömung ins Spiel. Sie ergreift unser Wasserfahrzeug und treibt es langsam flussabwärts, während der Schlepper immer wieder die Richtung korrigiert und so unsere Insel langsam Richtung Afghanistan manövriert. Eine halbe Stunde später rummst das Ponton tatsächlich an die vorgesehene Stelle am afghanischen Ufer. Hut ab! Ich hatte uns schon irgendwo zwischen Usbekistan und Aralsee dahinschwinden sehen. Die Leute legen ein paar verbogene Eisenträger zwischen Ponton und Ufer. Und dann?

Dann endlich betrete ich Afghanistan. Jetzt muss ich nur noch zur afghanischen Zollabfertigung und ein Taxi für die Weiterfahrt suchen. Aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte.

Die Strecke Dushanbe nach Shir Khan Banda

Der Text ist ein Transkript aus einem Podcast der bei SPIEGEL Online veröffentlich wurde.

Wildzauber Schon wieder Abschied

3 Kommentare

  1. T O L L !
    Angefangen und kurz reingesehen/-gehört.
    Komme morgen wieder.
    Heute nur kurze Begeisterungsbekundung ;-))
    Haben Sie den Beitrag selbst gesprochen?

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