Der lange Weg

Einblicke in die Entwicklung des Bildungwesens in Afghanistan

Schule bei Askalan

23 Jahre Krieg, Zerstörung und Millionen von Flüchtlingen haben in Afghanistan eine desolate Bildungsinfrastruktur hinterlassen. Ein großer Teil der Schulen stand nach 2001 nicht mehr, und es gibt heute noch zu wenige Lehrkräfte. Ohne die Hilfe der internationalen Gemeinschaft ist der afghanische Staat nicht in der Lage, seinen Bildungssektor wiederaufzubauen.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sind immer noch circa 90 Prozent der Frauen und die Hälfte der Männer Analphabeten. Der Analphabetismus ist eines der größten Hindernisse beim Wiederaufbau des Landes.

Ersatzschule im Dorf Askalan: Unterricht im Freien

Traditionelle Bildung
Vor der Einführung des modernen Bildungswesens war die Erziehung der Kinder Aufgabe der Familie, worunter die meisten Afghanen drei bis vier Generationen verstehen, die alle unter einem Dach leben. Die Familie gab ihr Wissen durch Geschichten, Lieder und Gedichte weiter. Wenn die Jungen ungefähr sechs Jahre alt waren, wurden sie zur Moschee geschickt, um durch den Koran oder anhand von literarischen Gedichten und Erzählungen Lesen und Schreiben zu lernen. Mädchen konnten ebenfalls an dieser Art Unterricht teilnehmen, aber mit ungefähr neun Jahren wurden sie gewöhnlich wieder zur Arbeit im Haushalt eingesetzt.

Modernes Bildungswesen
Unter Habibullah Khan eröffnete 1904 die erste säkulare Schule nach westlichem Vorbild, um ein modernes Bildungswesen zu etablieren.
1919, nach Gründung des Kultusministeriums, wurde der Ausbau der Schulen durch Amir Amanullah Khan vorangetrieben. Der Staat sah dies als eine seiner wichtigsten Aufgaben an. Westliche Lehrmaterialien wurden übersetzt und über enge kulturelle Beziehungen mit Staaten wie Deutschland und Frankreich wurden weiterführende Schulen wie Lycées und Highschools gegründet. 1924 öffnete in Kabul die Amani-Oberrealschule ihre Tore, an der Deutsch als Hauptfach ab der Oberstufe unterrichtet wurde.

Die kulturellen Beziehungen ermöglichten außerdem vielen Schülern ein weiterführendes Studium im Ausland. Frauen konnten in der Türkei studieren, während ihre männlichen Kollegen auch nach Deutschland, Frankreich oder in die Sowjetunion reisten. Diese gut ausgebildeten Afghanen stellten die Basis für den Ausbau und die Entwicklung der Bildung in ihrem Land dar. In Afghanistan entstanden in dieser Zeit zahlreiche neue Schularten, neben Grund- und Oberschulen gründete man auch Fach- und Berufschulen, zum Beispiel für Technik und Landwirtschaft. Dabei wurde die Mehrzahl der Einrichtungen in Kabul errichtet.

Gründungen neuer Bildungseinrichtungen
1932 Universität Kabul
1962 Universität Nangarhar, Jalalabad
1943 Handelschule Kabul
1968 Polytechnische Hochschule Kabul
1988 Universität für Islamische Studien, Kabul

Die Universität Kabul, die 1932 gegründet wurde, ist die bedeutendste Hochschule des Landes. Zunächst wurde eine medizinische Fakultät eingerichtet, später folgte die juristische, naturwissenschaftliche und Literaturfakultät. Im Laufe der Jahre wurde die Universität durch weitere Fakultätsgründungen erweitert, bis sie 1972 aus zwölf Fakultäten bestand.

Teil der zerstörten Universität Kabul 2004

Diese neue Bildungssituation schuf neue Wirtschaftzweige und Arbeitsplätze. Die Schlüsselpositionen waren oftmals durch die im Ausland ausgebildeten Akademiker besetzt, Intellektuelle genossen ein privilegiertes Leben. Doch Bauern und religiöse Würdenträger standen dieser Entwicklung ablehnend gegenüber. Sie sahen ihre Kinder lieber auf dem Feld oder im Haus, um so ihren Lebensunterhalt zu sichern. So polarisierte und radikalisierte sich in der Folge das Land.

In den sechziger Jahren langte unter König Zahir Shah das schulische Bildungssystem auf seinem Höhepunkt an. In der Realität hieß das, dass etwa 20 Prozent der schulpflichtigen Kinder eingeschult wurden und es etwa 70 bis 80 Prozent Analphabeten in den städtischen Gebieten und 90 Prozent in ländlichen Gebieten gab. Durch den kulturpolitischen Austausch und Wettbewerb in den Sechzigern und Siebzigern wurden eine Menge neuer, hochmoderner Schulkomplexe gebaut. 1967 legte der deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke in Kabul den Grundstein für die neue Amani-Oberrealschule, an deren Oberstufe deutsche Lehrer naturwissenschaftliche Fächer in Deutsch unterrichteten. Andere Industriestaaten bauten ebenfalls Schulen in Kabul wie das Aishe-Durrani-Mädchengymnasium oder das französischsprachige Esteklal-Gymnasium.

In Afghanistan gibt es eine offizielle Schulpflicht von 7 bis 13 Jahren

Das Schulsystem ist wie folgt aufgebaut:
Dorfschule, 1. bis 3. Klasse
Grundschule, 1. bis 6. Klasse
Mittelschule, bzw. Mittelstufe, 7. bis 9. Klasse
Oberschule, bzw. Oberstufe, 10. bis 12. Klasse

Mit dem Abschlusszeugnis der 12. Klasse und dem Bestehen einer Aufnahmeprüfung wird der Zugang auf die Universität ermöglicht.

Die Bildungssituation in städtischen Gebieten wie Kabul oder Herat war in den siebziger und achtziger Jahren einmalig für Afghanistan. In den zum Teil kosmopolitischen Städten nahmen Studenten und Studentinnen an gemischten Vorlesungen teil und genossen einen liberalen Kleidungskodex. In den ländlichen Gebieten allerdings blieb auch zu dieser Zeit der Zugang zu Bildung ein Problem, besonders für Frauen. Die starre patriarchal organisierte, konservative Familienstruktur erlaubte es ihnen nicht, eine formale Ausbildung zu erhalten. 1979 besuchten weniger als ein Zehntel der Mädchen eine Schule.

Unterricht im Freien: Schule im Stadtteil Taimani in Kabul

Doch durch die plötzlich sehr hohe Anzahl an Abiturienten konnte sich nur ein geringer Teil der Schüler an den wenigen Hochschulen immatrikulieren. Das Hochschulsystem bedurfte einer Reformierung, doch der Staat stellte sich der Aufgabe nicht. Dies führte bei den Studierenden zu Unruhen und Demonstrationen. Verschiedene politisch motivierte Organisationen entstanden, unter anderem die „Islamische Bruderschaft“, deren Anhänger unter Gulbuddin Hekmatyar Säureanschläge auf Studentinnen und Schülerinnen verübten.

1973 führte Mohammed Daud Khan mit Hilfe der Sowjetunion einen Putsch durch, doch dem Regime gelang es nicht, eine Bildungsreform zu initiieren. Intellektuelle und Facharbeiter verließen das Land, Sozialstrukturen lösten sich auf, was vom Regime jedoch nicht als Gefahr erkannt wurde.

Nach dem kommunistischen Putsch 1978 begann die Khalq-Fraktion der marxistischen DVPA (Demokratische Volkspartei Afghanistan) eine Massenalphabetisierungskampagne, die oftmals verschleierte afghanische Frauen in Klassenzimmer mit männlichen Lehrern zwang. Der Einmarsch der Roten Armee 1979 brachte sowjetische Lehrer ins Land, die ihre kommunistische Ideologie importierten, ihre Lehrpläne durchsetzten und Russisch als Pflichtsprache einführten. Dies bedeutete für die traditionelle, konservative afghanische Familie eine komplette Missachtung ihrer kulturellen Bedürfnisse. Nach dem Abzug der Sowjetunion 1989 waren die Einschulungszahlen im Vergleich zu den Vorkriegsjahren stark gesunken.

Während der Sowjetbesatzungszeit in den Achtzigern wurden circa 2000 Schulen zerstört und Tausende LehrerInnen flohen aus dem Land. Intellektuelle, Dozenten und Lehrer wurden hingerichtet oder kamen ins Gefängnis. Die Infra- und Sozialstruktur des Landes zerfiel vollkommen.

wpid7385-afghanistan-schule5.jpg

Von 1980 an wurden zahlreiche Schulen für afghanische Flüchtlingskinder in Pakistans nordwestlichen Grenzprovinzen und Baluchistan gegründet. Unterstützer des afghanischen Widerstandes waren eifrig dabei, ihre Kinder im Geiste einer islamistischen Ideologie auszubilden, und einmal mehr wurde Bildung für politische Interessen missbraucht. Über die pakistanische Grenze hinweg schossen islamische Schulen oder “madrassas” (Koranschulen) aus dem Boden, aus denen sich in den frühen Neunzigern dann die Taliban-Bewegung entwickelte.

Während der Taliban-Jahre (1994 bis 2001) war es allen Mädchen verboten, am Schulunterricht teilzunehmen. Außerdem war es auch den Frauen untersagt, als Lehrerinnen zu arbeiten. Da ein großer Teil der Lehrkräfte Frauen waren, hatte dieser Ausschluss einen gewaltigen Einfluss auf die Ausbildung. Die Klassengrößen der Jungen stiegen bis auf 200 Köpfe, und die Schüler lernten faktisch nichts. Unter Taliban-Kontrolle wurden viele Schulen zu “madrassas”, und das religiöse Studium beeinflusste noch stärker den Lehrplan. Von 1997 bis 1999 verdoppelte sich die Zahl der Studenten dieser religiösen Schulen.

Einer der Gründe, warum die Taliban säkularer Bildung misstrauten war, dass viele von ihnen selber nicht gut ausgebildet waren. Waren sie doch erzogen in nur männlich dominierten madrassas Pakistans oder Afghanistans, in der das Lernen begrenzt war auf das rein mechanische Wiederholen des Korans. Während der Taliban-Zeit waren dennoch viele NGOs bemüht, insbesondere Mädchen Bildung zu bieten. In einem Untergrundnetzwerk gründeten NGOs und Afghanen „Home-Schools“, um den benachteiligten Mädchen eine Grundbildung zu gewährleisten. In einigen Landesteilen wurden viele dieser Schulen von den Taliban geschlossen.

wpid7387-afghanistan-schule6.jpg

Der Zusammenbruch des Taliban-Regimes ermöglichte afghanischen Mädchen und Jungen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, eine Ausbildung. Das Bedürfnis nach Bildung steigt sprunghaft an, die Rückkehr der Flüchtlinge verstärkt diese Situation zusätzlich – eine immense Herausforderung für den noch fragilen Staat Afghanistan.

2002 errechnete die Asian Development Bank, dass für den Wiederaufbau des zerstörten Bildungssektors im kommenden Jahrzehnt circa 1,24 Milliarden Dollar investiert werden müssen. Zusätzlich müssen für die Lehrkräfte 40 bis 80 Millionen Dollar pro Jahr aufgebracht werden. LehrerInnen verdienen heute 40-80 Dollar pro Monat, nicht genug, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Seit dem Ende des Bürgerkrieges entstanden mit ausländischer Hilfe zahlreiche Schulen mit zum Teil neu ausgebildetem Lehrpersonal, so dass inzwischen ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen, vor allem auch Mädchen, Zugang zu einer Schulbildung haben.

Der Sektor Bildung ist gegenwärtig einer der größte Arbeitgeber, doch der Staat kann nicht alle seine Angestellten selber bezahlen. Zurzeit zahlen internationale Organisationen einen hohen Anteil der Gehälter und helfen beim Wiederaufbau. Bildung wird für eine lange Zeit eine große Herausforderung für die neue Regierung sein.


Literaturnachweis:
• Conrad Schetter, Kleine Geschichte Afghanistans, Verlag C.H. Beck, 2004
• CROSSLINES Essential Field Guides to humanitarian and conflict zones, Afghanistan, 2004,
• Jahrbuch 2002, Afrikanisch-Asiatische Studienförderung e.V.


Gate 24 Etagenwohnung

5 Kommentare

  1. b | | Antworten

    23 Jahre = ein bis zwei Generationen.
    Lesestoff zum Nachdenken und Vergleicheziehen.

    Das (gemischte) Beethoven-Gymnasium in Bonn ist übrigens die Partnerschule des Aisha-i-Durani-Mädchengymnasium.

  2. HF | | Antworten

    „2002 errechnete die Asian Development Bank, dass für den Wiederaufbau des zerstörten Bildungssektors im kommenden Jahrzehnt circa 1,24 Milliarden Dollar investiert werden müssen. “ – eine relativ geringe Summe, wenn man sieht, mit welchen Beträgen hier in Europa umgegangen wird.
    Sehr interessanter Artikel mit guten Photos als Illustration.

    • omar | |

      Vielen Dank!
      Gemessen bei einem BIP von ca 4,5 Milliarden Dollar im Jahr 2002 ist das ziemlich viel.

    • HF | |

      Für Afghanistan ja, aber wir (DE) könnten das aus der Portokasse zahlen – das meinte ich.

Kommentieren